
Original Title: Primitive Diversity“
Man zählt einige der Filme aus der Zeit von 1895 – 1929, die ich als Filmemacher liebe, zur Tradition der Primitive Diversity. „Primitiv“ ist hierbei nicht als Schlagwort gebraucht, sondern meint – entsprechend dem englischen Sprachgebrauch laut Oxford Dictionary – „ursprünglich“, „früh“, „unsophisticated“. Es geht um einfache Vielfalt. Sie ist heute, im Jahr 2025, so wichtig wie das liebe Brot. Wir leben in einer Zeit voller Unruhe und Störung („Disruption“). Ein Zeitalter der Unheimlichkeit. Gesetzt den Fall, aus dem Konflikt zwischen NATO, Ukraine und Russland entsteht kein hundertjähriger Krieg, Gesetzt den weiteren Fall, dass das „politische Magma“ im Gaza, dem Libanon und dem Nahen Osten, nicht als Vulkan explodiert: dann ist immer noch damit zu rechnen, dass die Mächte China und USA einander in die Haare geraten. Ein solcher Krieg im Pazifik würde nach drei Tagen oder spätestens nach vier Wochen unsere Algorithmenwelt – samt den digitalen Clouds, die die Völker bisher noch verbinden – vernichtet haben. Das alles braucht Trost. Zum Kino gehörte – in seiner Zeit der Primitive Diversity –, dass es tröstet: weil es einen Augenblick aus der Aktualität entführt, damals noch stumm war und weil es den extremen Ausdruck, das Groteske, zulässt. Das gehört zur „Freiheit des Geistes“. Man darf die bittere Realität nicht leugnen oder beschönigen. Trost, wie er zum Begriff des Kinos gehört, beruht auf etwas, was der Film von seiner Natur her kann: er ist ein Lichtspiel. „Licht tröstet in der Nacht“. Das ist die Bezeichnung für ein merkwürdiges Zwischenmedium (zwischen Kino und heutiger Zeit). Als der Triumphzug des Kinos endete, das Fernsehen aber erst noch im Kommen war – schwarz-weiß und im Stadium des Versuchs – gab es in den USA die sogenannten Fernsehleuchten. Sie standen neben den Fernsehern im Raum und die Wärme der Glühlampe setzte einen Luftzug und die Bilder auf dem Lampenschirm in Bewegung. Das war 1955 die Wiederkehr der Laterna Magica von 1855 auf etwa zehn Jahre. Ich liebe diese unwahrscheinlichen und unerwarteten Fundstücke inmitten des Massenstroms der Medien. „Einfache Vielfalt ist besser als vervielfältigte Einfalt“. So sagen es die Dichter. Ich danke meinem Verleiher Rapid Eye Movies für seinen Mut. Ich widme diesen Film den Internationalen Filmfestspielen von Rotterdam und seinen Tigern.